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Archiv Leitartikel
Das rücksichtslose Betreten und Überschreiten eines Schutzweges, zum Beispiel.
Was sarkastisch klingt hat einen durchaus ernsten Hintergrund. Seit der Einführung und medialen Vermarktung des absoluten Vorranges für Fußgänger auf Schutzwegen sind die schweren Unfälle auf Zebrastreifen nicht gesunken, sondern besorgniserregend angestiegen. Weil das Auto eh bremsen muß. Dies aber nicht immer kann. Und der sorglose Fußgänger sich zwar im Recht, aber halt leider auch im Krankenhaus wiederfindet.
Die staatliche und individuelle Vollkaskoversicherung entbindet uns von den Folgen unseres Handelns, ein Übermaß an Verboten und Strafsanktionen erzeugt ein trügerisches Sicherheitsgefühl.
Menschen sind sorgenfrei geworden, damit zugleich aber leider oft auch sorglos.
Der sorglose Umgang mit eigenem und fremdem Leben, Hab und Gut wurde zur Lebenseinstellung. Weil eh immer jemand schuld ist und die Folgen trägt.
Im Zweifelsfall man selbst.
Die Verhandlungen zwischen Ärztekammer und Sozialversicherung der Gewerbetreibenden haben zum unerfreulichen Ergebnis eines vertragslosen Zustandes geführt. Leicht erkennbar verwendet die Ärztekammer dieses Druckmittel um über die dadurch böswillig verursachten wirtschaftlichen Probleme von Selbständigen insbesondere im kleinstbetrieblichen Umfeld ihre überdurchschnittlich hohen Forderungen gegenüber der SVA durchzusetzen.
Der Aufruf der Ärztekammer an die niedergelassenen Ärzte, die bereits jetzt zum Teil deutlich über dem Schnitt aller Kassen liegenden Verrechnungssätze ohne Berücksichtigung der eCard und nochmals deutlich erhöht in Bar einzuheben ist an Zynismus gegenüber den Familien und Kindern der gewerblichen Versicherten kaum mehr zu überbieten.
Unbeachtet der naheliegenden Vermutung daß die Verantwortung für den jetzigen unerfreulichen Zustand nicht bei einer Partei alleine zu suchen sein dürfte sind die von Ihnen, Herr Präsident, geleiteten beiden Vertretungen der gewerblichen Wirtschaftstreibenden nun gefordert, weiterhin auf einem fairen, mit anderen Kassentarifen vergleichbaren Verrechnungssystem zu bestehen, dieses gut zu argumentieren und sich keinesfalls zu überzogenen Zugeständnissen hinreißen zu lassen, welche über dem Umweg von Beitragserhöhungen wieder die Familien der Versicherten zu tragen hätten.
Sie sind gefordert, alle rechtlichen und politischen Mittel auszuschöpfen um einen fairen Zustand herzustellen, und gleichzeitig für entsprechende Unterstützung der gewerblichen Versicherten und ihrer Familien zu sorgen um diese Phase unbeschadet zu überstehen.
Mit freundlichen Grüssen
Denn wenn die Grundsicherung die betroffenen Bürgerinnen und Bürger in die Lage versetzt, dass sie ihren Lebensunterhalt selbst bestreiten können, dann braucht es keinen aufwändigen Verwaltungsapparat, der Arbeitslosengeld, Sozialhilfe, Notstandshilfe und tausend andere Zuschüsse bemisst und zuerkennt bzw. ablehnt. Spannend war und ist immer wieder dass manche Leistungen auf verschiedenen Ebenen – wohl für dasselbe gewährt wurden. Zudem war dieses System absolut leistungsfeindlich. Manch einen ging es mit Stütze „besser" (wenn man in so einer Lage überhaupt von besser sprechen will) als mit einer Arbeit.
Es braucht Hilfe zur Selbsthilfe und darauf sollten wir auch einen Rechtsanspruch haben.
Wie immer auch die Abwicklung auch im Detail aussehen mag, Voraussetzung eines effizienten Umganges mit der Problematik ist die zentrale (Finanzamt) Abwicklung. Zahlungen müssen leistungsfreundlich eingeschliffen werden, damit ein Anreiz zur Arbeit gegeben ist.
Natürlich würde so ein System anfänglich einwenig mehr kosten, aber wenn der ganze Verwaltungsaufwand wegfällt, würde es sich sicherlich rechnen. Der gesellschaftliche Nutzen liegt aber vor allem im Systemwandel, man ist nicht mehr Bittsteller, man bezieht die Leistung wie die Familienbeihilfe. Man wird für Arbeit nicht bestraft, man kann selbst den Weg aus der Armut bestimmen.
Wir haben ganz klare Vorstellungen wie ein derartiges System aussehen könnte – wen es interessiert, der möge mit uns diskutieren.
Die Ungleichbehandlung zwischen Wehrdienst und Zivildienst widerspricht dem Gleichheitsgrundsatz. Nicht nur der unterschiedliche Zeitraum, auch die geschlechterspezifische Verpflichtung ist längst nicht mehr zeitgemäß.
Wehrdienst ist wichtig, Sozialdienst ist gesellschaftspolitisch notwendig. Unter selben Bedingungen sollten junge Menschen die Vielfalt der gesellschaftlichen Gruppen kennen lernen. Nur wer weiß welche Anforderung die Gesellschaft stellt, kann in seiner Entwicklung darauf eingehen.
Die Allgemeinheit bietet den jungen Menschen viel, es wäre ein Beitrag den man zurück geben könnte. Dabei muss der immaterielle Wert im Vordergrund stehen.
Wie viel wird durch eine derartige Maßnahme volkswirtschaftlich verschwendet. Gewinnt die Volkswirtschaft nicht mehr? Verständnis, Empathie, andere Perspektiven, Sozialkompetenz?
Werden in einer Zeit wo demographisch so und so DN fehlen noch mehr Arbeitskräfte dem Arbeitsmarkt entzogen? Was muss die Gesellschaft nicht alles aufwenden um soziale Leistungen zu erkaufen. Ist es nicht nur eine Umverteilung mit der Perspektive auf mehr Soziales Verständnis.
In einer Zeit wo Jugendliche immer mehr den Bezug zu den Grundwerten verlieren, sollte die Politik frühzeitig durch sinnvolle Maßnahmen entgegenwirken. Steuererhöhungen sind immer nur monetär, gesellschaftspolitische Maßnahmen wirken auf mehreren Ebenen.
„Am Ende werden Österreichs Klein- und Mittelbetriebe sowie die Konsumenten die Zeche zahlen, die Konjunktur-Hoffnungen werden abgewürgt und den Unternehmern wird es noch mehr erschwert, Arbeitsplätze zu schaffen." Mit diesem Urteil kommentiert Margarete Kriz-Zwittkovits die jüngsten Ankündigungen der Bundesregierung, die Steuern zu erhöhen. Die Präsidentin der Unternehmerplattform „Österreichischer Gewerbeverein" bezeichnet es als absolut falsch und empörend, bei der „an sich zweifellos notwendigen" Reduktion des Budgetdefizits neuerlich Steuern in Milliardenumfang erhöhen oder neu einführen zu wollen.
Kriz-Zwittkovits verlangt, dass der Defizit-Abbau alleine über Einsparungen erfolgt und dass überdies verwaltungsintensive Bagatellsteuern wie die Kredit- oder Gesellschaftssteuer abgeschafft werden. Steuererhöhungen in jeder Form seien absolut Gift für die Unternehmen und würden weit mehr Schaden anrichten als Einsparungen, „wenngleich natürlich auch Einsparungen bei den jeweils Betroffenen wenig Jubel auslösen."
Die Vorgangsweise der Regierung, vorerst nur das Volumen der Steuererhöhungen festzulegen und nicht zu sagen, welche Steuern sie erhöhen will, sei ein gefährlicher Trick, betont die Chefin der Unternehmerplattform. Die Politik wolle dadurch von der eigentlichen Problematik ablenken, dass es angesichts der hohen Staatsquote in Österreich – sie ist unter den EU-Ländern die vierthöchste – überhaupt keine sinnvolle Form einer Steuererhöhung mehr gibt. Vielmehr seien nur noch Einsparungen „in Bund und Ländern" fällig.
Große multinational agierende Gesellschaften könnten neuen Steuern leichter ausweichen als KMUs oder Konsumenten, warnt Kriz-Zwittkovits. „Die Großen können einen Teil ihres Geschäfts ins Ausland verlagern, während die kleinen und mittleren Unternehmer übrigbleiben. Große Banken können neue Steuern in der Regel direkt an ihre Kunden weiterreichen, also insbesondere die Klein- und Mittelbetriebe."
Vorschläge für Einsparungen gäbe es genug, sie sollten nur endlich verwirklicht werden, fordert Kriz-Zwittkovits. Sie verweist auf die „teuren Schul-Experimente"; auf die Hacklerregelung; auf die kleinen unausgelasteten Bezirksgerichte, deren Abschaffung die Landeshauptleute bisher verhindert haben; auf die 1oo Millionen Euro pro Jahr übersteigende Summe an Inseraten zur Unterstützung bestimmter Zeitungen; auf die deutlich über dem Bundes-Niveau liegenden Bezüge und Pensionen für Landesbeamte in Wien und einigen Bundesländern; auf das „skandalös niedrige" Pensionsalter bei der Bahn; auf den Grenzeinsatz des Bundesheeres, der laut Rechnungshof völlig überflüssig ist; auf den „bedeutungslosen Bundesrat"; auf das parallele Bestehen von Landes- und Bundesbehörden in jedem Bundesland; auf die aufgeblähte und teils kompetenzfreie Verwaltung in den Ländern; auf einen Bürokratie- Statistik- und Formularmoloch, der unternehmerisches Handeln tagtäglich behindert.
Statt regelmäßig Milliarden wenige Tage vor einer Wahl zu verschenken, sei eine Wirtschaftspolitik zum nachhaltigen Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit Österreichs von Nöten. Margarete Kriz-Zwittkovits: „Sparen ohne negative Folgen wäre gar nicht so schwer. Man müsste es nur einmal ernsthaft wollen und über die jeweils im Wege stehenden egoistischen parteipolitischen Interessen drüberfahren."
Rückfragehinweis: Österreichischer Gewerbeverein 1010 Wien, Eschenbachgasse 11 GS: Mag. (fh) Stephan Blahut T: 01-587-36-33 F: 01-587-01-92 s.blahut@gewerbeverein.at http://www.gewerbeverein.at/
Die hochgesteckten Ziele der intensiven Entwicklungs- und Marketingtätigkeiten von Energieversorgern und Kraftfahrzeugherstellern werden ohne Berücksichtigung der Anwenderwünsche und energiewirtschaftlichen Rahmenbedingungen nicht erreicht werden können. Eine von der Tiroler Zukunftsstiftung geförderte Studie soll relevante Problempunkte aufzeigen und die Machbarkeit eines europaweit getragenen Alternativkonzeptes nachweisen.
Bei aller Euphorie über die kurzfristig zu erwartende Markteinführung einer ganzen Reihe mehr oder weniger innovativer Elektro- und Brennstoffzellenfahrzeuge und der sich daraus potenziell ergebenden positiven Auswirkungen auf Umwelt, Lärm, CO2-Belastung und Ressourcenvorräte sind so wesentliche Randthemen wie die Alltagstauglichkeit der Fahrzeuge, der flächendeckenden Versorgung und der Auswirkungen auf die für Spitzenbelastungen hochsensiblen Stromnetze zunehmend in Vergessenheit geraten.
Die Autoren einer aktuellen Studie für ein europäische Elektromobilitätskonzept sehen hier dringenden Handlungsbedarf. Die derzeit angekündigten oder bereits lieferbaren Fahrzeug- und Versorgungskonzepte im zweispurigen Bereich sind zwar zum Teil - wie der amerikanische Tesla - technologisch durchaus sexy. Alltagstauglich, wirtschaftlich vertretbar oder gar für den Massenkonsum einsetzbar sind sie meist nicht.
Die Mercedes-Deutsche Brennstoffzelleninitiative ist im europäischen Kontext als Insellösung zum Scheitern verurteilt, da alle anderen Staaten - wenn überhaupt - andere, inkompatible Betankungskonzepte verfolgen.
Das vom europäischen Einheits-Stecker profitierende Konzept des Steckdosen-Autos scheitert zwar nicht an den kostengünstig realisierbaren Ladestationen, doch an den kurzen wirtschaftlich-technisch realisierbaren Reichweiten und der direkten Koppelung von Fahrbetrieb und Ladezyklus, der direkt zu erhöhtem Spitzenlastbedarf in den Stromnetzen führt - und damit auch ökologisch mehr als bedenklich ist.
Auch der Anwendernutzen im angestrebten Bereich der Massenmobilität mehr als fraglich. Als reines Kurzstrecken- und Stadtauto bzw. Zweitfahrzeug sind die Fahrzeuge aufgrund der hohen Akkukosten zu teuer. Als alleiniges Familienauto sind Fahrzeuge mit fix installiertem Akku mangels Reichweite ungeeignet und für den kilometerintensiven beruflichen Personenverkehr aufgrund der langen Ladezeiten ohnehin zwecklos.
Das Konzept des "Smart Grid" als Ausgleich für Stromlastspitzen und Lieferschwankungen durch erneuerbare Energieträger ist grundsätzlich sinnvoll, die angedachte Umsetzung auf Basis der Akkus Millionen geparkter E-Fahrzeuge technisch nicht umsetzbar, bürgerrechtlich mehr als bedenklich und organisatorisch vollkommen utopisch.
Das Spannungsdreieck von Reichweite, Ladezeiten und Kosten kann nur durch ein europaweit vereinheitliches Akkumulator-Tauschsystem in einer ökologisch vertretbaren, massentauglichen Art aufgelöst werden.
Dadurch lassen sich Ladezeit und Fahrbetrieb voneinander entkoppeln, der Gedanke des "Smart Grid" technisch optimal umsetzen, die mögliche Leistung der Akkumulatoren durch Ladung unter Idealbedingungen bestmöglich nutzen, die Alltagstauglichkeit der Fahrzeuge auch im Langstreckenbetrieb herstellen und die Initialkosten für den Fahrzeughalter durch Verlagerung des (dazu stark kostendegressiven) Kaufpreises der Akkus zum Systembetreiber radikal in nutzerfreundliche Regionen senken.
Meinungsbildner und Politik sind gefordert die erforderlichen Schritte voranzutreiben, die genannte Studie will die erforderlichen technischen, ökonomischen und volkswirtschaftlichen Nachweise dafür liefern.
Graue Gefahr: Wie eine Kaste von Langzeitrentnern den Jungen die Zukunft stiehlt
ein wichtiges Thema auf eine schwer emotionalisierte Art und Weise auf.
Auch wenn das Aufgreifen der Pensionsthematik nicht nur aus Sicht des Sommerloches sowohl journalistischen Reiz wie auch sachliche Notwendigkeit hat, wäre ein etwas sensiblerer Umgang mit der betroffenen Bevölkerungsgruppe nicht unangebracht.
Klar versucht die reißerische Sprache Aufmerksamkeit für ein lebenswichtiges und totgeschwiegenes Thema zu erreichen, damit wird manches entschuldbar. Doch jenen Menschen die unser Land nach den unermesslichen Zerstörungen die ein verbrecherisches Regime angerichtet hat wieder aufbauten gebührt ein Mindestmaß an Respekt - nicht die Bezeichnung "Totschlagargument".
---- genug geschimpft ----
Ein Wissenschaftler ist mal zur Erkenntnis gelangt dass jede Amöbe zeitlebens versucht ihre Lebensumstände zu verbessern. Nun möchte ich niemanden mit Amöben vergleichen, doch scheint es ein Grundprinzip des Lebens zu sein, sich möglichst viele Vorteile zu sichern wenn sie denn zur Verfügung stehen.
Ausgerechnet den Pensionisten dies vorzuwerfen erscheint mir unfair und entspricht nicht dem Gleichheitsgrundsatz. In der Bäckerei nehm ich auch das frische Weckerl mit, und nicht das alte, nebenbei.
In Wirklichkeit ist es also eine Frage der Rahmenbedingungen, und diese Rahmenbedingungen werden nicht vom "Heer der Pensionisten" gestaltet, sondern von Politiker/inn/en die möglicherweise ebenfalls versuchen sich ihre Lebensumstände zu verbessern.
Hierzu hat es sich über die Jahrzehnte als gängige Methode herausgestellt, einer kleinen Gruppe (=wenig Wählerstimmen) etwas zu nehmen um es einer möglichst grossen Gruppe (=viele Wählerstimmen) scheibchenweise und möglichst konform zu den Wahlterminen zukommen zu lassen.
Dieses Verfahren wurde in den Grundzügen übrigens literarisch hervorragend beschrieben:
Machiavelli: "il principe"
und Orwell: "Animal Farm" (mit zunehmender Grösse des Futtertroges steigt die Anzahl der Schweine)
Zu unterstellen, 2 Millionen Pensionisten würden sich einem Heuschreckenschwarm gleich rücksichtslos über die Lebenserträge der arbeitenden Bevölkerung hermachen - tut mir leid, aber das ist unpassend.
---- Lösungsansätze ----
Kurzfristig ist das Problem sicher nicht so einfach zu lösen, denn das Pensionssystem lässt sich nicht über die Pensionsgesetzgebung retten, ohne die tieferen Ursachen zu betrachten.
Und eine Hauptursache für die Misere ist mit Sicherheit das hochgradig anstellungspräventive Auseinanderklaffen von Lebensleistungskurve und Lebenseinkommenskurve.
Die Attraktivität von mehr oder weniger erzwungenen Pensionierungen ergibt sich ja nicht aus dem vielleicht etwas faltigen Outfit der Generation 50+, sondern aus den enormen Unterschieden in den Lohnkosten.
Viele Unternehmen würden gerne die wertvolle Erfahrung der etwas älteren Mitarbeiter/innen in Anspruch nehmen, trotz einer etwas verringerten Leistungsfähigkeit und Flexibilität. Doch die Kombination aus Zunahme der kollektivvertraglichen Löhne und der viel zu lange nicht mehr ausreichend korrigierten kalten Progression treibt die effektiven Lohnkosten in derartige Höhen dass ein weiterbeschäftigen der grauen Tiger das gesamte Unternehmen - und damit alle Arbeitsplätze - in Gefahr bringen würde
Aus der Arbeitslosenthematik wissen wir nur zu gut, wie sehr Arbeitslose guter körperlicher Verfassung an der Untätigkeit leiden - die angebliche Faulheit der Rentner zu verdammen ohne die Ursachen für die Misere zu klären ist daher zu kurz gegriffen
PS: lesenswert dazu der Artikel von Franz Schellhorn in der "Presse":
Im Jahre 476 ging mit dem Weströmischen Reich der bislang einzige gesamteuropäische Staat in den Wirren der Völkerwanderung unter. Es folgten unendliche Konflikte, soziale Ungerechtigkeiten und ein wirtschaftlicher wie kultureller Rückschritt, der erst in der Renaissance halbwegs aufgeholt werden konnte. Eineinhalb zerstrittene, blutige Jahrtausende später haben wir die Chance, den Traum von einem geeinten Europa zu leben.
Der Traum von Europa lebt von Menschen, die über den Tellerrand von Fremdenangst, Protektionismus, Kleinlichkeit und Unverständnis der europäischen Prozesse hinaussehen wollen. Menschen, denen es zu wenig ist, Brüssel für alles verantwortlich zu machen, sondern die erst den Zusammenhang sehen wollen bevor sie pauschal verurteilen.
Menschen deren Interesse an den benachbarten Kulturen grösser ist als ihre Angst davor. Die den Wert eines vereinten Europa in einer globalisierten Welt vor kleinkarierte Partikularinteressen stellen wollen.
Europa lebt von Menschen, die von einem Europa träumen das mehr ist als eine lockere Ansammlung von Nationalstaaten.
Von einem Europa, das sich globalen Herausforderungen wie dem Klimawandel nicht verschließt, sondern gemeinsam handelt um selbst ernsthafte Maßnahmen zu setzen und auch den Rest der Welt positiv zu beeinflussen.
Die von einem Europa träumen, das sich nicht fern der Menschen in Brüssel abspielt, sondern in unseren eigenen Köpfen, an dem wir teilhaben können und teilhaben wollen. Einem Europa das eine glaubwürdig demokratische Regierung und eine langfristig tragfähige Verfassung besitzt. Einem Europa das von Regionalpolitikern nicht vorgeschoben, sondern aktiv mitgestaltet wird.
Der Traum von Europa beinhaltet auch einen Bundesstaat, der in der Lage ist Bedrohungen von Außen abzuwehren und in dem deshalb Neutralität zwar vielleicht noch erlaubt, aber sicher nicht mehr notwendig ist.
Ein Europa, dessen künftige Verfassung auch kleinen Staaten die Möglichkeit zur Mitbestimmung und zur regional angepassten Gestaltung gibt und dadurch den Bürgern und Bürgerinnen Vertrauen ermöglicht, ohne wie bisher durch Vetorechte handlungsunfähig zu bleiben.
Ein Europa, das die Sorgen der Menschen berücksichtigt. Das beispielsweise durch konsequente Elektromobilisierung nicht nur die Umwelt an den Transitrouten entlastet, sondern gleichzeitig damit die Automobilindustrie mit neuen Produkten aus der Krise gelangen und zigtausende Arbeitsplätze ohne Vernichtung von Steuergeldern erhalten läßt.
Ein Europa, das irgendwann über verantwortungsvolle Politiker und Politikerinnen verfügt, die durch Investitionen in die Realwirtschaft echte Arbeitsplätze sichern statt abertausende Millionen Euro in einem Faß ohne Boden, genannt Bankenkrise, zu versenken.
Ein Europa, daß auch den kleinen und mittleren Unternehmen eine Chance gibt statt das unvernünftig ausufernde Wachstum mancher Großkonzerne und Finanzunternehmen nachträglich auf Kosten des Steuerzahlers zu finanzieren.
Ein Europa, das auch den Studenten eine faire Chance gibt – aber nicht auf andere Gruppen wie die Lehrlinge und Kindergartenkinder vergißt.
Ein Europa, das nicht krampfhaft immer weiter wächst, sich gleichzeitig aber dazu passenden Partnern nicht verschließt.
Ein Europa schließlich, in dem überregionaler Wohlstand und sozialer Friede jeden fremdenfeindlichen Protektionismus erübrigt. Bleibt es ein Traum?
Die europäischen Grundfreiheiten (Freiheit von Kapitalverkehr, Warenverkehr, Niederlassungsfreiheit etc.) stehen ebenso ausser Streit wie das grundsätzliche Bekenntnis zur Freiheit des Marktes. Angebot und Nachfrage sollen den Markt, die Preisbildung und damit in weiterer Folge auch viele damit zusammenhängende Faktoren bis hin zur Wahl der geeigneten Ausbildung lenken.
Ein Konzept das sich scheinbar bewährt und anderen Konzepten - etwa des Sozialismus´ sowjetischer Prägung - als überlegen erwiesen hat, und der westlichen Welt Zugang zu enormer ökonomischer Prosperität geebnet hat.
Es stellt aber auch die Freiheit des Denkens, des laufenden Hinterfragens und der Meinungsäusserung ein wesentliches Grundrecht dar - darum sei erlaubt hier einige Fragen aufzuwerfen:
1) ökonomischer Fortschritt durch den totalen Markt?
Trotz fürchterlichster sozialer und politischer Verwerfungen inklusive dreier verheerender Kriege in Europa und einer Unzahl von weiteren auf der ganzen Welt, trotz jahrzehntelangem Massenelend in der Übergangsphase von agrarischer zu industrieller Ökonomie läßt sich nicht abstreiten daß die westliche Welt sich seit etwa 50 Jahren eines unglaublich hohen Lebensstandards erfreut, der zumindest zum Teil auf die Errungenschaften der Marktwirtschaft zurückzuführen ist.
Doch sei die Frage gestattet, ob die Marktwirtschaft Verursacher oder Nutznießer war? Denn eine ganze Reihe von anderen Faktoren, beginnend bei der wesentlich verbesserten Wertschöpfung durch die industrielle Revolution, und bei der bisweilen etwas rücksichtslosen Ausbeutung der Rohstoffvorräte insbesondere auch ehemaliger Kolonien noch lange nicht endend, hat wesentlich mit zum Wohlstandsgewinn beigetragen.
Gleichzeitig ist der freie Markt als Verursacher der aktuellen Finanzkrise (wie auch der dot.com Krise 2000, des schwarzen Montags 1987, des schwarzen Freitags etc.) nicht ganz unverdächtig
2) totale Gewerbeliberalisierung?
Der Markt wird es regeln daß ungeeignete, qualitativ mangelhafte Anbieter durch "bessere" Unternehmen ersetzt werden, folglich ist jegliche Gewerbebeschränkung unnötig und abzulehnen?
OK, zu Ende gedacht, wozu beschränken wir den Marktzugang für Chirurgen?
Regelt es nicht der Markt?
Böse Zungen behaupten daß bei mangelhafter Leistung eines (nicht ausreichend ausgebildeten) Chirurgen Menschen zu Schaden kommen können. Überraschung!
Doch während ein Chirurg pro Fehler maximal eine Person schädigen kann, ist das Schadenspotenzial etwa bei einem Gerüstbauunternehmen um ein Vielfaches höher. Allerdings kann ein guter Chirurg nach einem Baustellenunfall vielleicht noch die eine oder andere Person retten...
3) Gleichbehandlung der Geschlechter im totalen Markt?
Ein wirklich freier ArbeitsMARKT ließe die Gleichbehandlung der Geschlechter (sowie bestimmter Personengruppen wie Behinderter) nicht zu? Autsch.
Zwar reden wir bei der Ungleichbehandlung ja im Wesentlichen vom Bereich der freiwilligen Überzahlungen, da die zustehenden Grundlöhne so gut wie überall geschlechtsneutral festgelegt werden.
Doch gerade diese Überzahlungen werden nach betriebswirtschaftlichen Kriterien festgelegt die in einem freien Markt auch kostenrelevante Randbedingungen wie eine mögliche Karenzierung berücksichtigen (müssten).
4) Freiheit der Bildung?
Gerade die Anforderungen eines "totalen Marktes" lassen den Wunsch interessensorientierter Ausbildung stark in den Hintergrund treten. Sind humane Grundwerte auf dem Altar des Monetarismus zu opfern? Oder lassen sich Ökonomie und humanitäre Ausbildung verbinden?
5) Nachhaltigkeit oder totaler Markt?
Erlauben Sie mir ein Beispiel. Derzeit behaupten alle Medien, die Krise der amerikanischen Automobilindustrie wäre ausschließlich verursacht durch das rückständige Denken an großvolumigen Spritfressern festhalten zu wollen die der Markt nicht verlangt.
Sorry, aber das ist Quatsch.
Die Produktentwicklungszyklen im Automobilsektor bewegen sich bei etwa 8 Jahren (plus / minus). Jeder der vor acht Jahren in den Staaten mit einem Mietwagen unterwegs war, weiß, daß eine ganze Reihe von spritsparenden Modellen auch aus US-Amerikanischer Produktion verfügbar gewesen wäre (z.B. Chrysler Neon, ein nettes Familienauto in der Grösse des VW Jetta mit etwa 8-10 Liter Verbrauch). Allein, der Markt wollte es (bei niedrigen Spritpreisen) nicht haben!
Die Amerikaner haben die Pick Ups nicht so lange gekauft weil es keine sparsamen Autos gab...sondern weil sie sie schlicht nicht wollten. Das mag Unsinn gewesen sein, dennoch war die Reaktion des Marktes einfach dergestalt daß ein mächtiger Pick-UP mit Klimaanlage halt lässiger...aber lassen wir das.
Die Freiheit des Marktes gepaart mit kurzsichtigem Individualegoismus und einem gewissen Herdentrieb hätte hier also zu einer Entwicklung geführt die nachhaltige Schäden im ökonomischen und ökologischen Bereich verursacht.
Zwei wesentliche Regungen prägen das menschliche Handeln in vielen Fällen - Bequemlichkeit und Egoismus. Märkte reagieren innerhalb der vorgegebenen Rahmenbedingungen durchaus ähnlich - und nicht immer im Sinne einer nachhaltig ökologisch, ökonomisch und sozial sinnvollen Entwicklung.
Wollt Ihr den TOTALEN Markt also nicht, sollten wir uns sinnvolle Rahmenbedingungen überlegen...
(Irrtümer und Rechtschreibfehler vorbehalten ;-)
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